Über Jahrtausende war Wissen knapp. Es musste von Mensch zu Mensch weitergegeben werden: Wie jagt man? Wie baut man ein Haus? Wie heilt man eine Wunde? Wie übt man ein Handwerk aus?
Was eine Generation gelernt hatte, musste die nächste übernehmen. Wissen war an Menschen gebunden. Starben sie, konnte ihr Wissen mit ihnen verschwinden. Und das in einer ursprünglichen Lebensspanne von 20-30 Jahren. Informationsweitergabe war der Sinn des Lebens.
Dann kamen Schrift, Bücher, Bibliotheken, Buchdruck, Ton- und Bildaufzeichnungen, das Internet. Und heute: künstliche Intelligenz und Roboter. Und dann auch noch eine durchschnittliche Lebenserwartung von ca. 80 Jahren. Das verändert alles!
Wir stehen damit an einem bemerkenswerten Punkt der Menschheitsgeschichte.
Wissen verschwindet nicht mehr, wenn der Wissende verschwindet. Es lässt sich speichern, vervielfältigen, durchsuchen und innerhalb von Sekunden weltweit verfügbar machen.
Damit verändert sich etwas Fundamentales:
Der Besitz von Wissen verliert seinen bisherigen Wert. Nicht Wissen wird knapp. Knapp werden Orientierung, Urteilskraft und die Fähigkeit, in einer Welt immer schnellerer Veränderung, zu erkennen, was jetzt relevant ist, was als Nächstes möglich wird – und was wir daraus machen wollen.
Das betrifft auch Führung.
Das alte Modell von Lehrling, Geselle und Meister beruhte darauf, dass der Meister aufgrund seiner Erfahrung mehr wusste als der Anfänger.
Heute kann ein 20-Jähriger etwas beherrschen, von dem ein erfahrener CEO vor zwei Jahren noch nicht einmal wusste, dass es existiert.
Erfahrung bleibt wertvoll. Aber Erfahrung kann gleichzeitig zur Falle werden, wenn sie unsere Wahrnehmung auf die Muster einer Welt begrenzt, die gerade verschwindet. Vergangenheit hat keinen Anspruch darauf, die Zukunft zu definieren.
Und genau hier bekommt der Retainer im Coaching/Consulting für mich die entscheidende Bedeutung.
Früher engagierte man einen Berater häufig, weil er etwas wusste, was man selbst nicht wusste. Er brachte Wissen, eine Methode oder eine Lösung ins Unternehmen.
Heute geht es in meiner Arbeit zunehmend um etwas anderes:
Wir vereinbaren nicht die Lösung für ein Problem, das wir bereits kennen. Wir vereinbaren die Qualität, mit der wir Problemen und Möglichkeiten begegnen, die morgen auf uns zukommen.
Ein CEO kennt sein Unternehmen, seinen Markt und seine Verantwortung.
Ich bringe eine andere Perspektive ein: Muster erkennen, Annahmen infrage stellen, Veränderungen früh wahrnehmen, neue Möglichkeiten sehen und immer wieder fragen:
What’s the next level?
Daraus entsteht im besten Fall keine klassische Berater-Klienten-Beziehung.
Es entsteht eine gemeinsame Bewegung. Eine Aufwärtsspirale, in der unterschiedliche Wahrnehmungen und Erfahrungen etwas hervorbringen können, das keiner von beiden allein gesehen hätte.
Deshalb ist ein Retainer für mich nicht allein eine Vereinbarung, Wissen bereitzuhalten.
Es ist eine Verabredung, gemeinsam eine Strecke durch eine Zukunft zu gehen, deren konkrete Herausforderungen wir heute noch nicht kennen.
Um den Wandel bewusst mitzugestalten.
Entwicklungen so früh zu erkennen und neue Muster zu etablieren, dass andere irgendwann nicht mehr Wettbewerber sind, denen man folgt – sondern diejenigen, die einem folgen müssen.
Wolfgang Georg Sonnenburg